OPERATION STIFF UPPER LIP
AC/DC · ZÜRICH Juni 2001 · EIN GEMÄLDE MIT BACKSTAGE-BERECHTIGUNG.
Es gibt Konzertbesucher, die nach dem letzten Song nach Hause gehen. Und es gibt zwei Spezialisten, die dann erst anfangen, ein Gemälde von 110 × 160 Zentimetern durch Tausende AC/DC-Fans zu beamen.

Letzigrund Zürich - Stiff Upper Lip Tour.
Mein Kumpel Giorgio knackte bei einer Blick-Aktion, organisiert von Elias H. Fröhlich, den Jackpot: ein Backstage-Treffen mit AC/DC.
Er hatte eine absurde Idee.
Ich hatte neue Pinsel.
Das Ergebnis war ein handgemaltes Stiff Upper Lip CD - Cover auf einer Leinwand, deren Abmessungen bereits beim Verlassen meines Ateliers
sämtliche Transportvorschriften verletzten. Somit alles im grünen Area 45 Bereich -
Angus Young sollte unterschreiben. So weit der Plan.
Die Transportabteilung erfuhr erst nach Fertigstellung davon. Ihr Antrag auf rückwirkende Verkleinerung der Leinwand wurde abgelehnt.
METEORITENSCHWARM LETZIGRUND
Während des Konzerts blieb das Gemälde im Auto. Daneben meine Gibson SG Deluxe Ice Blue von 1999, gekauft 2001, die ebenfalls eine Unterschrift erhalten sollte. Zwei Gegenstände, die in einem Stadion voller AC/DC-Fans ungefähr dieselbe Aufmerksamkeit erzeugen wie ein UFO auf dem Bundesplatz.
Nach dem letzten Song legten wir die halbe Marathon Strecke unter 20 Min. hin. Zum Parkplatz, versteht sich. Wir hieften lautlos Leinwand und Gitarre aus dem Sicherheitstransporter, deckten das Gemälde und die Gitarre mit Leintüchern zu und schauten möglichst unauffällig. Sehr wichtig im Dunkeln.
Dann gingen wir zurück, als hätten wir nichts besonderes unter den Armen.
Ein hervorragender Plan, wenn man berücksichtigt, dass inzwischen Tausende Menschen das Stadion verliessen. Sämtliche in unsere Richtung. Wir in ihre.
Die Berechnung der ersten Mondlandung dürfte einfacher gewesen sein, als mit diesen beiden Hauchen von Nichtsen wieder zum Stadion zu gelangen.
Die Leinwand war unter den Leintüchern etwa so gut getarnt wie eine Saturn-V-Startrampe in einem Swimmingpool. Neugierige Hände griffen darunter, Köpfe drehten sich, und unsere Kollisionsvermeidungsanlage musste im Sekundentakt neue Flugbahnen berechnen.
Das System bestand aus zwei Personen, vier Händen und einem zunehmend zweifelhaften Vertrauen in die eigene Planung.
Am Backstage-Zugang wartete die Security. Nach kurzer Wartezeit erhielt mein Kumpel die Freigabe und verschwand mit der riesigen Leinwand in einer Hand und meiner Gibson in der anderen.
Die Transportabteilung beantragte daraufhin eine dritte Hand. Antrag aus technischen Gründen abgelehnt.
Ich blieb draussen.
Die Fracht hatte bessere Zugangsberechtigungen als ihr Hersteller.
ENDKONTROLLE DURCH DAS ORIGINAL
Backstage, zunächst unterhielt sich Giorgio mit Phil Rudd. Dann erschien Angus Young.
Vor ihm stand sein eigenes Stiff Upper Lip-Cover. Von Hand gemalt, überlebensgross und nach einem Transportmanöver, das sämtliche bekannten Vorschriften der Raumfahrt missachtete, noch immer in einem Stück.
Angus betrachtete das Gemälde, zeigte beide Daumen nach oben und signierte die Leinwand.
Das Motiv hatte sein eigenes Gemälde abgenommen. Die Abteilung für Qualitätskontrolle wurde damit überflüssig.
Mein Kumpel brachte Leinwand und Gitarre wieder zurück. Beide heil, beide signiert. Offenbar hatte er hinter der Absperrung zwischenzeitlich auch noch gelernt, wie man mit zwei Händen vier Aufgaben erledigt.
Die Logistikabteilung vermerkte: Erstaunlich.
NEBENMISSION: GIBSON MIT ERWEITERTER FEHLERLISTE
Meine Gibson SG Deluxe Ice Blue, Baujahr 1999, war ungefähr so typisch für Angus Young wie eine Hammondorgel im Cockpit einer F-16.
Angus unterschrieb trotzdem. Auf dem Pickguard, mit einem Marker, der für T-Shirts zuständig war.
Bei der ersten Berührung reduzierte die Signatur ihre Sichtbarkeit. Ein Textilmarker auf Kunststoff. Eine Kombination, die in der Abteilung für Materialforschung vermutlich schon vor der Erfindung des Kunststoffs verboten worden wäre.
Ich sicherte die verbliebenen Schriftzüge mit transparenter Folie. Die Tarnfunktion konnte damit weitgehend deaktiviert werden.
Etwas über ein Jahr nach dem Kauf meldeten dann Griffbrett und Hals unterschiedliche Umlaufbahnen an. Die beiden Holzteile hatten offenbar beschlossen, ihre Zusammenarbeit schrittweise aufzulösen.
Eine Delamination. Bei einer Gibson, die fast CHF 3’000 gekostet hatte.
Offenbar eine Sonderausstattung, die bei gewissen Modellen bereits im Kaufpreis enthalten war. Wieder was gelernt.
Also musste die SG zurück zum Händler. Dort hatte ich zuvor genügend Instrumente und Equipment gekauft, um den Rohbau eines Hangars für die SIRIUS-45-Trägerrakete zu finanzieren.
Ich erwartete eine Garantieabwicklung. Die Garantieabteilung erwartete offenbar etwas anderes. Nach längeren Diskussionen wurde die Garantie abgelehnt. Ein paar wenige Monate über der 12 monatigen Garantie. Das Griffbrett blieb weiterhin auf Distanz. Mein Vertrauen in die irdische Gitarrenindustrie ebenfalls.
Die SG hatte mir spielerisch ohnehin nie besonders gelegen. Nun war die Unterschrift teilweise angelöst, das Griffbrett teilweise abgelöst und die Garantie vollständig aufgelöst.
Ich tauschte die Gitarre ein. Mit Angus-Young-Signatur. Die Abteilung für Sammlerwerte erlitt einen kurzzeitigen Druckabfall. Seither habe ich keine SG mehr gekauft.

Eines der wenigen Fotos meiner Gibson SG Deluxe Ice Blue.
Leider sitzt noch jemand davor.
Das bin tatsächlich ich. Als Kunstfigur Korritke. Blonde Perücke, falscher Schnauzer, modifizierte Dracula-Zähne, Elvis-Brille und ein Kissen unter der Jacke. Alles streng nach Vorschrift.
In dieser Aufmachung holte ich 2003 meine heutige Frau am Zürcher Flughafen ab.
Die Sicherheitsabteilung zeigte erhöhtes Interesse.
Aber das ist eine andere Geschichte.
ABSCHLUSSBERICHT · AREA 45
GEMÄLDE: Angus Young persönlich. Zwei Daumen hoch. Signatur gesichert.
TRANSPORT: Zwei Personen, ein Gemälde, eine Gitarre, mehrere Tausend Hindernisse. Kollisionsschäden: null.
GIBSON SG: Signatur mit Tarnfunktion. Griffbrett mit Separationsabsichten. Garantieabteilung verschollen.
SIRIUS-45: Hangarrohbau finanziert. Trägerrakete weiterhin ohne Startfreigabe.
Die Abteilung für unvorhergesehene Ereignisse hat inzwischen einen Antrag auf Vergrösserung gestellt.




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