top of page

STORIES

Letzte Runde? – Warum unsere Musikbars leise sterben

22. Mai 2025
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Aug.

WENN DIE BÜHNE DUNKEL BLEIBT.

Dieses Thema lässt mich schon länger nicht los, seit ich bei Bar & Guitars selbst Gigs veranstalte allerdings noch weniger.

Auf Social Media liest man regelmässig davon: Wieder schliesst ein Club. London, Zürich, Bern, irgendwo dazwischen. Und jedes Mal verschwindet mehr als eine Bar mit einer Bühne.

Eine verlassene Music Bar



Vor einiger Zeit ging ich voller Vorfreude ins Le Singe in Biel. Auf der Bühne: The Next Movement. Wer die Band kennt, weiss, dass gemütliches Hintergrundgedudel an diesem Abend eher nicht zu erwarten war.

Streetfood-Festival in der Stadt, Eurovision Song Contest und trotzdem war der Saal zu rund drei Vierteln gefüllt. Ich dachte: Wow. Läuft doch. Dann wurde die Band angesagt. Doch vorher kam eine andere Nachricht.

Dem Le Singe ging es finanziell nicht gut. 2024 war gerade noch aufgegangen, für 2025 waren bis dahin viel zu wenige Tickets verkauft worden. Crowdfunding stand im Raum.

Plötzlich war das Thema da. Mitten im Club, vor einer Bühne, auf der wenige Minuten später eine grossartige Band spielen würde.

AREA 45 MELDET: Publikum vorhanden, Musiker vorhanden, Bühne vorhanden, Problem ebenfalls vorhanden.

Und Biel ist kein Einzelfall.


DIE ZAHLEN SIND NICHT BESONDERS ROCK’N’ROLL.

Der britische Music Venue Trust dokumentiert seit Jahren, was mit kleinen Live-Locations passiert. 2023 gingen in Grossbritannien 125 Grassroots Music Venues verloren. 2024 meldeten 43,8 Prozent der verbliebenen Venues einen Verlust, der gesamte Sektor arbeitete mit einer durchschnittlichen Gewinnmarge von gerade einmal 0,48 Prozent. 2025 machte mehr als die Hälfte der britischen Grassroots Venues überhaupt keinen Gewinn, weitere 30 schlossen endgültig.

Noch eindrücklicher ist eine andere Zahl: 1994 hatte eine typische Tour durch Grossbritannien rund 22 Termine an 28 verschiedenen Orten, 2024 waren es noch 11 Termine an 12 Orten.

Dreissig Jahre, halbe Tour.

Das ist kein Trend. Das ist Infrastruktur, die verschwindet.

Ich bin mit einer anderen Live-Kultur aufgewachsen. In den 70ern, 80ern und 90ern waren Musikbars ein wichtiger Teil der Szene, Funk, Rock, Punk, Hip-Hop, später Indie und alles, was irgendwo dazwischen Sound machte.

Wer spielte, brauchte eine Bühne. Also ging man dorthin, wo eine stand.

Als ich in den 80ern zum ersten Mal durch Camden lief, kam aus gefühlt jeder zweiten Bar Live-Musik, auch tagsüber. Du brauchtest keine 20'000 Follower, du brauchtest Songs, ein Instrument und idealerweise jemanden, der dir einen Slot gab.

Vielleicht hattest du ein paar selbst kopierte Tapes dabei, vielleicht war jemand vom Indie-Label da, vielleicht nahm ein Besucher dein Tape mit in eine andere Stadt. Vielleicht passierte überhaupt nichts und am nächsten Abend hast du wieder gespielt.

So funktionierte der Algorithmus damals. Er hatte eine Eingangstür.

Heute erreichen Musiker theoretisch die ganze Welt vom Schlafzimmer aus. Spotify, YouTube, Instagram, TikTok und all die anderen Plattformen haben Möglichkeiten geschaffen, von denen wir damals nur träumen konnten.

Das ist grossartig.

Eine Bühne kann trotzdem etwas, das kein Upload kann.

Ein Musiker lernt vor Publikum, was passiert, wenn niemand klatscht, eine Saite reisst, der Monitor ausfällt oder der Song, von dem alle überzeugt waren, live plötzlich überhaupt nicht funktioniert. Und manchmal passiert genau das Gegenteil: Ein Song, den niemand auf dem Radar hatte, erwischt den ganzen Raum.

Dafür braucht es Menschen vor einer Bühne.


DIE UNBEQUEME STELLE

Kleine Konzerte funktionieren wirtschaftlich, wenn Menschen hingehen. Das klingt fast beleidigend einfach. Eintritt, Gagen, Technik, Personal, SUISA, Werbung, Strom, Miete und all die kleinen Dinge, die niemand sieht, laufen trotzdem.

Und dann gibt es diesen Moment, den ich selbst immer wieder beobachte: Konzert fertig, Applaus, Licht an, Jacke an, Abflug. Die Bar ist fünf Minuten später halb leer.

Dabei kann genau dieses Bier nach dem Konzert einen Unterschied machen.


Area 45 empfiehlt verantwortungsvollen Konsum. Die Finanzabteilung bittet lediglich darum, nicht alle gleichzeitig nach Hause zu gehen.

Auch eine Guestlist sieht bei einem kleinen Club plötzlich anders aus. Fünf Personen à CHF 25 Eintritt sind CHF 125. Für eine Arena ein Rundungsfehler, für einen kleinen Club ein Betrag, der sehr wohl etwas ausmacht.

Wenn mir ein kleiner Veranstalter (eine Band) einen Guestlist-Platz anbietet bezahle ich ihn HEUTE trotzdem. Früher nicht. Guestlist? Ich? Cool. VIP. Aber ich habe dazugelernt.



WAS KÖNNEN WIR TUN?

Eigentlich erstaunlich viel, und vieles davon ist simpel.

Hingehen, jemanden mitnehmen, nach dem Konzert noch etwas bleiben, Merch direkt bei der Band kaufen, einen Gig oder den Lieblingsclub auf Social Media teilen, Open Mics besuchen und eine Band entdecken, bevor sie dir ein Algorithmus als Neuentdeckung verkauft.

Auch Kids gehören vor Bühnen, wenn der Rahmen passt. Meine waren von den Konzerten bei uns fasziniert und gehen inzwischen selbstständig an Gigs.

Und vielleicht könnten grosse Namen gelegentlich wieder dort auftauchen, wo viele von ihnen angefangen haben. Ein überraschender Besuch, ein kurzes Set, ein Foto oder ein einziger Post kann für einen kleinen Club enorm viel bewirken.

Auch Labels und die grossen Player der Branche könnten stärker mithelfen. Irgendwo müssen schliesslich die Künstler herkommen, mit denen später Arenen gefüllt werden.

Ich träume da gerne weiter.


AREA 45 – ZUSTANDSBERICHT LIVE-MUSIK

Musiker: Vorhanden

Publikum: Grundsätzlich vorhanden

Kleine Bühnen: Abnehmender Bestand

Kosten: Hartnäckig vorhanden

Streaming: Praktisch

Live-Musik: Durch nichts ersetzt

Guestlist: Mit Bedacht einsetzen

Bier nach dem Konzert: Wirtschaftlich auffällig relevant

Crowdfunding: Hilfreich, löst aber nicht alles

Handlungsbedarf: Erhöht


Vielleicht ist genau das der Punkt: Eine kleine Bühne braucht keine Millionen Menschen. Sie braucht an einem bestimmten Abend vielleicht 40, 80 oder 150 Menschen, die tatsächlich hingehen.

Denn wenn die letzte kleine Bühne dunkel bleibt, verlieren wir mehr als einen Raum. Wir verlieren die Orte, an denen Musiker ausprobieren, scheitern, besser werden, Menschen treffen und manchmal den Abend ihres Lebens spielen. Musik aus dem Netz kann überall entstehen.

Live-Musik braucht einen Ort.

AREA 45 EMPFEHLUNG:

Hingehen. Weitere Massnahmen können vor Ort an der Bar besprochen werden.


Kommentare


bottom of page